Am 24. Februar hat Damir Canadi seine zweite Amtszeit als SCRA-Cheftrainer angetreten. Exakt 80 Tage und 13 Spiele später, durfte ein ganzer Verein – nach dem 3:0-Heimsieg gegen die SV Ried – kollektiv aufatmen. Im Interview mit scra.at zieht Canadi eine erste Zwischenbilanz und richtet den Blick nach vorne.

1.) Du bist vor knapp drei Monaten mit dem Ziel nach Altach zurückgekehrt, den Klassenerhalt zu sichern. Wie viel Druck ist abgefallen, als es nach dem Spiel gegen Ried erledigt war?

Die Erleichterung war riesengroß, wie bei jedem einzelnen Altach-Fan und der gesamten SCRA-Familie. Ich wurde vor drei Monaten gefragt, ob ich mir vorstellen kann, zu helfen den SCR Altach in der Bundesliga zu halten. Für mich war dann auch schnell klar, dass ich das machen möchte. Der SCRA hat mir als Trainer eine Plattform gegeben, die die Grundlage für meine weiteren Stationen war. Dafür bin ich sehr dankbar und ich denke, jetzt in dieser Zeit konnte ich etwas zurückgeben. Es macht mich stolz, dass wir den Klassenerhalt als Mannschaft geschafft haben.

2.) Der Start Ende Februar/Anfang März ist mit drei Siegen aus den ersten vier Spielen besser ausgefallen, als du wahrscheinlich selbst erwartet hättest. Wie ist es damals gelungen, mit einer doch verunsicherte Mannschaft so schnell den Turnaround zu schaffen?

Wir waren damals Tabellenletzer, da ist es klar, dass die Mannschaft verunsichert ist. Mein Co-Trainer Manu Hervas und ich haben dann relativ schnell eine sehr gute Kommunikationsbasis zum Trainerteam und der Mannschaft gefunden. Die Mannschaft hat sich auf uns und unsere Spielidee voll eingelassen. Der Sieg nach zwei Tagen gegen den WAC hat dann natürlich mitgeholfen, dass ein Vertrauen in unsere Arbeit entstehen konnte, welches über die darauffolgenden Wochen weiter gewachsen ist. Ich denke, auch das Spiel gegen den LASK, das wir verloren haben, war von der Leistung her ein sehr gutes. Es hat mir sehr imponiert, wie die Mannschaft von Anfang an mitgezogen ist und wie wissbegierig sie war.   

3.) Trotzdem folgten auch in den Wochen danach immer wieder Rückschläge – mehrfach auch in Spielen, in denen man für eine Vorentscheidung hätte sorgen können. Welche Gründe hatte dies aus deiner Sicht?

Wir waren noch nicht stabil genug. Es ist uns oft nicht gelungen, mal zwei Spiele hintereinander zu gewinnen oder gar eine Serie zu starten. Ich denke, da gerade auch an das Heimspiel gegen die Admira, das wir dann 0:1 verloren haben. Das war ein Spiel, wo wir uns mit einem positiven Ergebnis aus dem Tabellenkeller verabschieden und uns vielleicht sogar noch einmal in Stellung für die Play Off-Plätze bringen hätten können. Diesem Druck konnten wir dann aber nicht standhalten und haben in diesem Spiel eine schlechte Leistung gebracht. Es ist ein Prozess, diese Stabilität zu gewinnen. Dass wir aus den letzten vier Spielen keines mehr verloren haben, zeigt aber, dass unsere Richtung stimmt (Anm. 2 Siege, 2 Remis).

4.) Das am Ende wahrscheinlich entscheidende Spiel war jenes in St. Pölten, wo trotz zweimaligem Zwei-Tore-Rückstand noch ein Punkt mitgenommen wurde. Ganz ehrlich, wie viel Nerven hat dich diese Partie gekostet?

Es war sicher eines der intensivsten Spiele meiner 20-jährigen Karriere als Fußballtrainer. Die Mannschaft hat eine unglaubliche Mentalität gezeigt und ist trotz zahlreicher Nackenschläge immer wieder aufgestanden. Wenn du nach neun Minuten 0:2 hinten liegst, ist natürlich jeder Plan über Bord geworfen. Du nimmst dir viel vor, hast einen klaren Matchplan, den du dann eigentlich direkt in die Tonne schmeißen kannst. Wie beim angesprochenen Spiel gegen die Admira, konnten wir an dem Tag dem Druck nicht standhalten. In St. Pölten ist es uns aber gelungen, mit Kampf und dem Glauben an uns selbst in diese Partie zurückzufinden. Da hat die Mannschaft gezeigt, wozu sie in der Lage ist.

5.) Am Ende war es auch bezeichnend, dass mit Daniel Maderner und Danilo Carando in diesem Spiel zwei Stürmer für die Entscheidung gesorgt haben, die zuvor viel gescholten wurden. Generell galt die Offensive lange Zeit als Achillesferse der Mannschaft. Das hat sich in den letzten Spielen aber gewandelt. Worauf ist diese Entwicklung zurückzuführen?

Im Zuge des mannschaftlichen Erfolges haben sich auch die einzelnen Spieler weiterentwickelt und mehr Selbstvertrauen bekommen. Dafür muss man dann glaube ich auch nicht unbedingt ein großartiger Trainer sein. Wir haben natürlich versucht, der Mannschaft und den einzelnen Spielern in Gesprächen dieses Selbstvertrauen zu vermitteln. Das geht natürlich immer besser, wenn die Mannschaft sieht, dass bestimmte Dinge funktionieren. Daniel Maderner ist sicher ein gutes Beispiel. Er stand die gesamte Saison in der Kritik, hat dann aber in den letzten Wochen vier Tore geschossen und zwei Assists gegeben. Und auch andere Spieler haben einen Schritt gemacht. Was keinesfalls heißen soll, dass wir uns darauf ausruhen können. Wir wissen ganz genau, dass wir zur kommenden Saison einiges drauflegen müssen.

6.) Du hast Daniel Maderner angesprochen, dessen Entwicklung im Saison-Endspurt wahrscheinlich am offensichtlichsten war. Hast du ihm diese Rolle bei deiner Ankunft zugetraut?

Daniel ist glaube ich ein gutes Beispiel, dass im Fußball immer auch etwas Glück dazu gehört. Ich wollte ihn bereits in meiner ersten Periode zum SCR Altach holen. Damals hat er sich das Kreuzband gerissen, was ihn etwas aus der Bahn geworfen hat. Er hat sich dann entschieden, den Weg über die Regionalliga und die 2. Liga zu nehmen, wo er bei Amstetten eine starke Saison gespielt hat. Als ich gekommen bin, hat jeder gesagt, wie unzufrieden man mit seinen Leistungen ist. Ich kannte aber seine Qualitäten und habe ihn deshalb auch nicht fallen gelassen. Wir haben versucht, ihn auf die richtige Position zu stellen. Er fühlt sich als Mittelstürmer am wohlsten. Dani hat aber auch selbst das seine beigetragen, um diesen Turnaround zu schaffen. Er ist sehr wissbegierig und tut alles dafür, dass er am Wochenende gut spielt. Genau wie bei allen anderen, heißt es aber auch bei ihm, diese Entwicklung zu bestätigen und kommende Saison den nächsten Schritt zu machen.  

7.) Nach dem geschafften Klassenerhalt laufen die Planungen für 2021/22 auf Hochtouren. Du hast immer wieder betont, dass es der Mannschaft weniger am Fußballerischen oder an der Einstellung, sondern vielleicht eher am ein oder anderen ‚Typen‘ fehlt. Kann auch diese Mentalität erlernt/trainiert werden oder ist das eher etwas, das man auf dem Transfermarkt regeln muss?

Wir brauchen definitiv im Team eine gewisse Mentalität. Mir ist dabei vor allem eine gute Mischung wichtig – eine Fußballmannschaft darf nicht aus 25 gleichen Spielern bestehen. Wir haben hier eine richtig coole Truppe, mit einem guten Charakter. Aber ich glaube der Mix tut jedem Team gut. Es ist wichtig, dass die Mannschaft lebt und den Mut besitzt, manche Dinge anzusprechen. Meine Aufgabe ist es dann, alle Spieler so in die Mannschaft zu integrieren, dass der Respekt voreinander da ist und jeder im Team akzeptiert wird. Es ist aber auch klar, dass wir nicht alles in einer Tranferperiode regeln können. Da herrscht oftmals auch das falsche Denken bei den Leuten. Von wegen: ‚Jetzt ist der Canadi da und der stellt alles auf den Kopf‘. Wir haben viele Spieler mit laufenden Verträgen, die wir zu respektieren haben. Deshalb wird es sicher 2-3 Transferperioden dauern, bis Werner Grabherr und ich die Mannschaft vollständig nach unseren Vorstellungen aufgestellt haben.  

8.) Jetzt hast du erstmals seit deiner Ankunft eine volle Sommervorbereitung vor dir und kannst der Mannschaft über diesen Weg deine Vorstellungen vermitteln. Wo liegen Stand jetzt für dich die Schwerpunkte?

Der erste Schwerpunkt liegt jetzt in den nächsten Wochen darauf, den Kader auszugestalten. Wir werden um den 21. Juni herum starten und wollen bis dahin vielleicht auch etwas schlanker werden, was die Kadergröße angeht. Ziel ist es schlussendlich 20 Bundesliga-Feldspieler und vier junge Talente aus der Akademie in unserem Aufgebot zu haben. Wir wollen die Qualität haben, um wieder eine gute Rolle in der Liga zu spielen.   

9.) Gemeinsam mit Werner Grabherr bildest du zukünftig die sportliche Führung des SCRA ab. Du hast ihn 2016 als Co-Trainer in die Bundesliga geholt – welche Qualitäten schätzt du an ihm?

Werner ist ein absoluter Workaholic, der 24/7 für den Verein da ist. Ich glaube, dass wir ähnlich gepolte Menschen sind, auch was die Leidenschaft für den Sport, für die Arbeit und den Fußball angeht. Das hat ihn damals ausgezeichnet. Wir werden jetzt natürlich im ersten Schritt auch mal lernen müssen, auf dieser Ebene zusammen zu arbeiten. Werner ist heute Sportlicher Leiter und wird mit mir gemeinsam versuchen, den SCR Altach so aufzustellen, dass wir uns stabilisieren und zukünftig vielleicht auch wieder weiter nach vorne blicken können. In der ersten Saison geht es sicher darum, uns zu stabilisieren und konstant unsere Leistungen abzurufen.

10.) Die Mannschaft ist seit Freitag im Urlaub. Hand aufs Herz: Gibt es auch bei dir mal einige fußballfreie Tage?

Bis 7. Juni jetzt mal definitiv nicht. Bis dorthin bin ich mit Werner dran, den Kader zu sortieren und auch mit den Spielern, die wir noch nicht verlängert haben, Gespräche zu führen. Dann wird man auch über Neuzugänge nachdenken müssen und schauen, wo wir noch Qualität dazu holen können. Wir wollen da eine gute Mischung finden und natürlich auch wieder jungen Spielern die Möglichkeit geben, sich hier in Altach zu entwickeln.

Steckbrief:
Name: Damir Canadi
Geburtsdatum: 06.05.1970
Nationalität: Österreich
Position: Cheftrainer
Beim SCRA seit: 24.02.2021